Über den Begriff

"transpersonal" 

Trans bedeutet: hindurch und jenseits davon, "through and beyond". 

Personal bedeutet: die Person betreffend, zu ihr gehörend, in personaler Form existierend.

Transpersonal bezieht sich auf jene Präsenz und Wirklichkeit, die durch eine Person hindurch wirkt, in ihr anwesend ist und sie gleichzeitig transzendiert und übersteigt.


Im weiteren Sinne lässt sich der Begriff "transpersonal" auf folgende humanwissenschaftliche Kategorien anwenden: 

1) Forschungsgegenstand

2) Menschenbild

3) Wirklichkeitsbild

4) Bewusstseinsbegriff

5) Selbstbegriff

6) Entwicklungsbegriff

7) Therapiemethoden



Die Transpersonale Psychologie


Diese Seiten informieren über die Geschichte, Inhalte, wichtigsten Vertreter und aktuellen Entwicklungen der Transpersonalen Psychologie und Psychotherapie, die ihr Mitbegründer Abraham Maslow als die vierte Kraft in der Entwicklung der Psychologie und Psychotherapieschulen bezeichnete:
„Ich betrachte die Humanistische Psychologie, die ‘Psychologie der Dritten Kraft’ als vorübergehend, als eine Vorbereitung für eine noch ‘höhere’ Vierte Psychologie, die transpersonal, transhuman ist, ihren Mittelpunkt eher im Kosmos als in menschlichen Bedürfnissen und Interessen hat, und die über Menschlichkeit, Identität, Selbstverwirklichung und dergleichen hinausgeht“ (Maslow 1968).
Eine konkretere Definition stammt von Roger Walsh und Francis Vaughan:
„Transpersonale Psychologie befasst sich mit der Untersuchung optimaler psychischer Gesundheit und optimalen Wohlbefindens und betont das Bewusstsein als zentralen Brennpunkt ihres Interesses. Transpersonale Psychologie schließt traditionelle Gebiete und Techniken, die therapeutisch relevant sind, ein; wo es angemessen ist, erweitert sie diese mit der Zielsetzung, Wachstum und Bewusstheit über die traditionell anerkannten Ebenen der Gesundheit hinaus zu fördern, und betont dabei die Bedeutung der Bewusstseinsveränderung“ (Walsh & Vaughan, 1988, S. 23).
Ähnlichkeiten zu der später entstandenen positiven Psychologie (Martin Seligman, Nozrat Peseschkian) und der Gesundheitspsychologie (z.B. Ralf Schwarzer oder Peter Becker) sind deutlich erkennbar. Doch die zentrale Bedeutung des Bewusstseins und seine erweiterte Phänomenologie jenseits des rationalen, divergenten, dualistischen Denkens ist in der Transpersonalen Psychologie bis heute einzigartig. Jedoch klingt die oben zitierte Definition von Walsh & Vaughan in ihrer Betonung eines „optimalen Wohlbefindens“ etwas irreführend, denn eigentlich unterscheidet sich die Transpersonale Psychologie von ihrem Vorgänger der Humanistischen Psychologie genau in diesem Punkt, dass sie den Hedonismus, der jeglichem Bedürfnisbefriedigungsstreben innewohnt, überwindet. Frankl`s Hauptthese der Selbsttranszendenz, dass der Mensch nur in dem Maße Sinn und Glück erleben kann, wie er sein eigenes Ich mit seinem ewigen Streben nach Befriedigung und Wohlbefinden in den Hintergrund treten lässt und in den Beziehungen zu seinen Mitmenschen, zum Leben und im Dienst am Leben Erfüllung findet, war eine große Bereicherung der Transpersonalen Psychologie und hat ihre eigentliche Bestimmung auf den Punkt gebracht.
Die transpersonale Psychologie wird hier im Folgenden anhand ihres Forschungsgegenstandes, ihres Menschenbildes, ihres Wirklichkeitsverständnisses, ihres Bewusstseins-, Selbst- und Entwicklungsbegriffes und ihrer Therapiemethoden skizziert.

Forschungsgegenstand

Erweiterte Bewusstseinszustände, spirituelle Erfahrungen, Selbsttranszendenz, Wirkungen spiritueller Praxis (Gebet, Meditation und Yoga), bedingungsanalytische Faktoren von Ichbezogenheit und Egozentrismus sowie die Möglichkeiten ihrer Überwindung, die Phänomenologie des ganzen Bewusstseinsspektrums von fragmentierten und dualistischen Bewusstseinszuständen bis hin zu überbewussten, transrationalen oder mystischen Erfahrungen (Ekstase, Erleuchtung, unio mystica) und die Kultivierung transpersonaler Qualitäten wie Frieden, Freude, Gleichmut, Liebe, Mitgefühl, Hingabe, Weisheit und Dienst am Leben gehören zu den wichtigsten Forschungsbereichen der Transpersonalen Psychologie. Ein besonderes Interesse gilt der Erforschung höherer Grade seelischer Gesundheit, persönlicher Entwicklung und geistiger bzw. charakterlicher Reife. Auch Wachstumskrisen gehören dazu.

Menschenbild

Der Mensch ist mehr als seine Persönlichkeit, er ist transpersonal, und mehr als sein Verstand, er ist transrational. Der Mensch hat eine Persönlichkeit, über die er immer wieder und immer weiter hinauswächst. Er ist eine Seele, ein Lebensstrom, und befindet sich irgendwo auf dem Weg der Selbstwerdung mit einem allmählich erwachenden Geist.

Die Persönlichkeit ist das biografische Produkt der Erfahrungs- und Lerngeschichte, also der Vergangenheit. Die Seele ist das essenzielle Wesen, nach Roberto Assagioli das „transpersonale Selbst“, und erwacht im klaren Geist, der nach Viktor Frankl das konditionierte neurobiologische Gehirn transzendiert. Der „Leib“ ist der beseelte Körper. 

In der Transpersonalen Psychologie werden alle Ebenen berücksichtigt: Der Mensch ist eine Leib-Seele-Geist-Einheit. Leib, Seele und Geist sind keine getrennten Teile, sondern verschränkte Wirklichkeiten, die sich im Menschen einander durchdringen.

Wirklichkeitsverständnis

Das Wirklichkeitsbild der transpersonalen Psychologie erinnert an jenes der Quantenphysik, der Systemtheorie, der Mystik oder des Buddhismus. Wie auch in der Quantenphysik wird die Trennung von Subjekt und Objekt als Illusion erkannt und überwunden. Die in der humanistischen Psychologie überhöhte Bedeutung des Individuums wird jetzt durch die Bedeutung von Beziehung(en) stark relativiert. Die transpersonale Perspektive sieht alle Menschen als untrennbare Teile einer übergeordneten Gesamtheit. Im Unterschied zur buddhistischen und systemtheoretischen Sichtweise der Interdependenz gibt es aber auch noch eine Art von Beziehung, die nicht auf der horizontalen Ebene liegt, sondern in einer vertikalen Dimension. Letztere bedeutet, dass der Mensch zuerst einmal mit dem größeren Ganzen verbunden ist, noch bevor er einzelne Individuen kennen lernt, zu denen er bestimmte Formen von Beziehungen aufbaut, einfach deshalb, weil er ein Teil des Ganzen ist. Wir sind nicht nur ein Teil des Universums, wir bestehen aus Universum, wir sind Universum. 

Bewusstseinsbegriff

In der Transpersonalen Psychologie wird unterschieden zwischen (1.) „Bewusstsein“ als solches, von dem es kein Plural gibt, (2.) seinen Inhalten wie bspw. Gedanken, und (3.) den vielen verschiedenen Bewusstseinsebenen bzw. –zuständen. Das (r)eine Bewusstsein an sich ist ganz, ungeteilt, unkonditioniert und unbegrenzt. Wir und unsere Gehirne sind Träger dieses Bewusstseins. Separates Bewusstsein, wie es die allgemeine Psychologie versteht, ist ein Konstrukt. Bewusstsein an sich ist eine sehr essenzielle Erfahrung und die Grundvoraussetzung für das Erleben von Wirklichkeit.

Hinsichtlich der Bewusstseinsebenen kann unterschieden werden. Roberto Assagioli unterschied grob zwischen dem Unterbewussten mit den Trieben, Instinkten und verdrängten Erfahrungen, dem Bewusstseinsfeld mit den wahrgenommenen Realitätsausschnitten, umgeben von einem mittleren Unbewussten, das die eigenen voreingestellten Gedanken, Überzeugungen und Motivationen beinhaltet, und das Überbewusste oder höhere Unbewusste, in dem wir unsere intuitive Weisheit, Liebe, Kreativität und all die anderen unendlichen Schätze in uns tragen.

Bewusstsein aus transpersonaler Sicht ist nicht an ein Ego oder eine Persönlichkeit gebunden ist, sondern transzendiert diese. Es unterliegt auch nicht der Kontrolle des Gehirns.  Es ist das Bewusstsein, welches das Gehirn steuern und verändern kann. Nach Frankl sind wir in unserem Bewusstsein unkonditioniert. Durch unser Bewusstsein sind wir fähig, uns selbst zu bestimmen, von innen zu leben statt von außen gelebt zu werden, uns selbst zu transzendieren und uns lebenslang weiterzuentwickeln. 

Selbstbegriff

Anders als in allen anderen psychologischen Strömungen und auch anders als im Buddhismus wird in der Transpersonalen Psychologie ganz klar unterschieden zwischen dem Ego, dem Ich und dem Selbst. Ego bezeichnet einen auf sich selbst und seine Vorteile fixierten, also stark eingeschränkten Bewusstseinszustand. Es ist die Quelle vieler Ängste, vor allem der Defizit- und Ego-Ängste. Es hält sich für etwas Besonderes und braucht die Anerkennung der anderen. Ohne Bestätigung von außen fühlt es sich wertlos. Das Ich ist seit Freud die Steuerungszentrale, die über verschiedene Funktionen (Ich-Funktionen) verfügt. Es koordiniert, reguliert, organisiert, handelt und dirigiert. Es versucht, die verschiedenen Bedürfnisse und Anforderungen von innen und von außen in Einklang zu bringen.

Das Selbst ist der ungeteilte innere Wesenskern, die wahre Individualität. Manche sehen das Selbst auch als den Schöpfer unserer Wirklichkeit oder Drehbuchautor unserer Lebensbücher. Es ist zugleich der innere Zeuge all unserer Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Erlebnisse, ohne damit identisch oder identifiziert zu sein. Es ist eins mit dem absoluten Sein. Es ist das, was ICH BIN, wenn ich mich mit nichts identifiziere, auch mit keinem Selbstbild.

Der Buddhismus wollte sich von der hinduistischen Atman-Lehre, die von einem "wahren Selbst" ausgeht, deutlich abgrenzen. Im späteren tibetischen Buddhismus wurde der Begriff des "Dharmakaya" von Asanga und Maitreya eingeführt, um damit so etwas wie ein wahres, unzerstörbares, transpersonales Selbst eines zur Buddhaschaft erwachten Individuums zu bezeichnen. 

 

Entwicklungsbegriff

Transpersonale Psychologen betrachten die Entwicklung des Menschen als lebenslang. Die Entwicklung endet nicht mit dem Erwachsenwerden, sondern geht immer weiter. In der ersten Lebensphase, der Enkulturation, finden die Rollenlernprozesse statt, die aus dem Kind einen gesellschaftsfähigen Menschen machen. Im jungen Erwachsenenalter beginnt die Subkulturation. Die gelernten Regeln und Rollen werden je nach sozialem Kontext weiter ausdifferenziert. Der Erwachsene ist fähig, verschiedene Rollen einzunehmen und Verantwortung zu übernehmen. Später findet für viele Menschen dann noch eine "Transkulturation" statt. Hier lernt der Mensch, über die gelernten Regelsysteme, sozialen Konditionierungen, tradierten Rituale und seine kulturelle wie auch biografische Identität, mit all seinen Erfolgen und Misserfolgen, hinauszuwachsen. Er lernt durch die Beschäftigung und die Begegnung mit anderen Kulturen andere Perspektiven kennen, gelangt dabei zu neuem Wissen und entwickelt nun eine umfassendere Weltsicht. Mit größerem Abstand blickt er auf die vielfältigen Erfahrungen seines bisherigen Lebens zurück und gewinnt daraus wertvolle Einsichten. Aus transpersonaler Sicht wird der Mensch nie ein fertiges Produkt sein. Von daher gibt es auch nicht so etwas wie eine finale Erleuchtung, mit der die menschliche oder spirituelle Entwicklung endet. Auf dem Weg der transpersonalen Entfaltung finden viele Erleuchtungserfahrungen und Erweckungserlebnisse statt, zu denen auch Wachstums- oder Reifekrisen gehören, aber es gibt kein finales Nirvana, kein Ende.



Die Schulen, Methoden und Ansätze

Transpersonale Psychotherapie


Bestehende Therapiemethoden der bisherigen Schulen (Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Körperpsychotherapie) wurden durch neue, extra für die transpersonale Dimension entwickelte Methoden ergänzt.  Letztere beinhalten angeleitete meditative, kontemplative und imaginative Übungen, Visualisierungen, sokratische, intuitive und empathische Gespräche, wie auch evokative und konfrontative Methoden.

Ein gelungenes Paradebeispiel für eine transpersonale Tiefenpsychologie ist die Psychosynthese (Roberto Assagioli). Andere transpersonale Therapiemethoden sind die Logotherapie (Viktor Fankl), die Initiatische Therapie (Graf Dürkheim), die Holotrope Therapie (Stanislav Grof) und die Transpersonale Verhaltenstherapie (Harald Piron). Über die üblichen Therapieziele und Alltagsthemen hinaus geht es bei den transpersonalen Ansätzen auch immer um die existenziellen Kern-Fragen, die um den Sinn des Lebens kreisen: "Wer bin ich eigentlich?", "Wer werde ich bzw. wer soll ich werden?", "Wo gehöre ich hin?", "Was kann ich sonst noch?", "Was will ich wirklich?", "Was erfüllt mich?", "Womit kann ich dienen?" und "Was soll der ganze Unsinn eigentlich?" 

Vollständige transpersonale Psychotherapien sind bspw. die Psychosynthese (tiefenpsychologisch fundiert), die Logotherapie (existenzanalytisch fundiert) und die Transpersonale Verhaltenstherapie (lerntheoretisch fundiert). Die Initiatische Therapie kann als begleitende transpersonale Leibarbeit und die Holotrope Therapie als transpersonale Atemarbeit verstanden werden. Sie sind eigentlich nicht als Psychotherapien konzipiert worden, sondern als Angebote der Selbst- und Sinnfindung für gesunde Menschen. Sie ermöglichen tiefere Zugänge der Selbstentdeckung und Erfahrungen einer Bewusstseinserweiterung. Es gibt eine Vielfalt an Angeboten, Ausbildungen, Methoden und Bezeichnungen von Ansätzen unter dem Oberbegriff "Transpersonale Psychotherapie", die Meditationen, Atem- und Achtsamkeitsübungen, Visualisierungen oder esoterische Ideen beinhalten. Meist wird aus berufsrechtlichen Gründen explizit darauf hingewiesen, dass solche Angebote keine Psychotherapie ersetzen und nicht zur Behandlung von psychischen Problemen oder Störungen geeignet sind. 


Psychosynthese und Biopsychosynthese

Diese erste tiefenpsychologische Schule der Psychotherapie mit transpersonaler Ausrichtung entstand durch Roberto Assagioli mit seiner Doktorarbeit 1910. Das erste Psychosynthese-Institut gründete er 1926. Assagioli unterschied zum ersten Mal zwischen einem personalen und einem transpersonalen Selbst, sowie zwischen einer personalen und einer transpersonalen Entwicklung. Letztere(s) transzendiert erstere(s).

Existenzanalyse und Logotherapie

Als dritte Wiener Schule der Psychotherapie (nach Freuds Psychoanalyse und nach Adlers Individualpsychologie) entstand die Logotherapie von Viktor Frankl um 1930 herum. Er gründete sie auf Basis der von ihm ebenfalls entwickelten "Existenzanalyse". Während bei Sigmund Freud der Wille zur Lust und bei Alfred Adler der Wille zur Macht im Mittelpunkt steht, bildet für Viktor Frankl der Wille zum Sinn die zentrale Kraft im Menschen.


Transpersonale Verhaltenstherapie

Basierend auf seinen empirischen Studien zu den Tiefenbereichen des meditativen und transpersonalen Erlebens, sowie auf den Erkenntnissen zur Neuroplastizität des Gehirns und Transformationsfähigkeit des Geistes, entwickelte Harald Piron zwischen 2003 und 2007 die zur dritten Welle der VT gehörende Transpersonale Verhaltenstherapie (TVT). Er war auch Gründungsmitglied des Deutschen Kollegiums für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie.

Die Psychosynthese ist die erste tiefenpsychologische Schule mit einer ausdrücklich transpersonalen und meditationsbasierten Ausrichtung. In der ersten Version nannte Assagioli seinen Ansatz "Biopsychosynthese". Die Verkürzung des Namens zu "Psychosynthese" folgte jedoch nicht einem Wunsch oder Motiv, den Körper des Menschen wegzulassen, sondern der Empfehlung von Kollegen. Biopsychosynthese klänge zu esoterisch. Und "Psychosynthese" wäre eine wunderbare folgerichtige Bezeichnung  für eine Weiterentwicklung der Psychoanalyse, ganz in Entsprechung der Logik von Hegels Dialektik-Lehre. Nachdem die Persönlichkeitsteile gründlich analysiert wurden, können sie in einem ganzheitlichen Prozess der seelischen Selbsterneuerung wieder zusammenfinden, diesmal aber transformiert und neu geordnet, um ein inneres Zentrum herum, das Assagioli als "personales Selbst" oder einfach "Ich" bezeichnete. Die Psychosynthese gleicht oder ähnelt somit einem alchemistischen Prozess. 


Ein Vergleich von Logotherapie, Transpersonaler Verhaltenstherapie und Psychosynthese:


Die Logotherapie ist die erste existenzialistische Psychotherapieschule mit einer transpersonalen Orientierung.

Die Transpersonale Verhaltenstherapie (TVT) ist die erste lerntheoretisch fundierte Therapieschule mit einer transpersonalen und meditationsbasierten Schwerpunktsetzung. Die Psychosynthese übernimmt Jungs ontologische Setzung eines kollektiven Unbewussten, in dem die individuelle Persönlichkeit eingebettet ist, und eines personalen Selbst als inneren Kern der Persönlichkeit, wobei diese Konzeptionen noch um ein Überbewusstes (individuell und kollektiv) und ein transpersonales Selbst ergänzt werden. Frankl verzichtet auf eine Instanzenlehre, spricht aber von einer noetischen Dimension, durch die der Mensch die biologisch konditionierte und biographisch geprägte Person, mit der er sich üblicherweise identifiziert, transzendieren kann, wenn er will. Der Wille spielt bei Frankl, wie auch bei Assagioli, eine zentrale Rolle. Etwa so: Wenn ich will, habe ich einen (mehr oder weniger freien) Willen, wenn ich nicht will, habe ich keinen.

Die TVT hält, wie auch Frankl, ontologische Setzungen nicht für unbedingt notwendig. Sie bevorzugt eine phänomenologische Herangehens- und Betrachtungsweise. Die Erforschung, Evokation und Generierung von transpersonalem Erleben und Verhalten bildet den Schwerpunkt der TVT. In seinem Buch "Transpersonale Verhaltenstherapie" beschreibt der Autor den Veränderungsprozess von der Stagnation zur Transformation phänomenologisch, lerntheoretisch fundiert und sehr praktisch, konkret und anschaulich anhand zahlreicher Beispiele aus der psychotherapeutischen Arbeit mit verschiedensten Klient(inn)en, die mit unterschiedlichen Problemen, Störungen oder Diagnosen zum Erstgespräch kamen.

Alle drei Therapieschulen stimmen darin überein, dass Bewusstsein "an sich" transpersonaler Natur ist. In der Psychosynthese gipfelt der Weg in der Erfahrung und Realisierung eines höheren, transpersonalen Selbst, in der Logotherapie in der Erfahrung und Realisierung eines höheren Sinns, in der TVT in der Erfahrung und Realisierung eines unkonditionierten, leeren, offenen, transpersonalen Bewusstseins, das alle Subjekt- und Objekt-Konzepte übersteigt bzw. hinter sich lässt. In der erfahrbaren Dimension der Meditationstiefe bildet dieses nonduale Bewusstsein den fünften Tiefenbereich.


Gründer und Pioniere

Pioniere der Transpersonalen Psychologie

Sie revolutionierten das Meschenbild:

Carl Gustav Jung mit dem kollektiven Unbewussten, Roberto Assagioli mit dem Überbewussten, Abraham Maslow mit der Meta-Motivation, Viktor Frankl mit der Selbsttranszendenz

Abraham Maslow

Wachstumsmotivation und Selbstaktualisierung

Viktor Frankl

Selbsttranszendenz

Roberto Assagioli

Psychosynthese

und transpersonale Entwicklung

Carl Gustav Jung

Individuation und Selbstwerdung

Carl Gustav Jung war einer der ersten Pioniere auf dem Weg zu einer transpersonalen Psychologie. Er entwickelte evokative und therapeutisch begleitende Methoden, um auch archetypischen Kräften und symbolisch verschlüsselten Inhalten aus dem kollektiven Unbewussten zu erlauben, ins Bewusstsein zu gelangen. Archetypische Inhalte, nicht nur der eigenen Kultur, können auf diese Weise hervortreten, auch wenn sich der Patient noch gar nicht intellektuell mit den entsprechenden Themen beschäftigt hat oder nur ansatzweise Kenntnis von diesen Symbolen besitzt. Jung zeigte sich, anders als sein Lehrer Sigmund Freud, den fernöstlichen Meditationsansätzen gegenüber viel offener und interessierter. Den spirituellen Weg bildete er nach hinduistischen, buddhistischen und taoistischen Vorlagen als lebenslangen Weg zum Selbst ab und begründete damit die Perspektive einer seelisch-geistigen Entwicklung der gesamten Lebensspanne.

Er war seiner Zeit weit voraus,  nicht nur was sein einzigartiges Verstehen des lebenslangen Individuationsprozesses betrifft. Jung erkannte wie kaum ein anderer Zeitgenosse das Zusammenspiel von Selbst-Entwicklung und Selbst-Transzendenz und brachte dieses auf den gemeinsamen Nenner der Individuation, in der beide Aspekte zusammenfließen. Individuation bedeutet letztendlich, dass jeder Mensch dazu bestimmt ist, der zu werden, der er ist bzw. als der er angelegt ist. Ein Kardinalfehler vieler spiritueller Lehrerinnen und Lehrer ist oder war ihre Neigung, anzunehmen, dass das, was für ihr eigenes spirituelles Erwachen zielführend war, für alle anderen ebenso wäre. Sie beachten oft nicht, dass jeder Mensch seinen ganz eigenen Weg zu gehen hat, seine eigene Regenbogen-Brücke in sich trägt, die niemand finden kann außer er selbst, und über die niemand anders gehen kann als er selbst. Es gibt überindividuelle, essenzielle, transpersonale, transkulturelle, universelle Qualitäten, Wahrheiten und Weisheiten, deren Entfaltung im Laufe der Individuation eines jeden Menschen auf individuelle Art und Weise stattfindet.

Ein anderer Pionier auf dem Weg zu einer transpersonalen Psychologie war William James. Er gilt paradoxerweise sowohl als Begründer der Religionspsychologie als auch der wissenschaftlichen (empirischen) Psychologie in den USA. Mit seinem Klassiker "The Varieties of Religious Experience: A Study in Human Nature" legte er 1902 den Grundstein für eine transpersonale Psychologie der Zukunft, in der Spiritualität, Phänomenologie des Bewusstseins und empirische Forschung zusammenkommen. Ein Jahr früher erschien ein anderes Grundlagenwerk für die transpersonale Psychologie: "Cosmic Consciousness: A Study in the Evolution of the Human Mind" von dem englisch-kanadischen Psychiater Richard Maurice Bucke.


Wie es mit der transpersonalen Psychologie weiter geht, steht noch in den Sternen. Dass in der Zukunft die Psychologie und Psychotherapie, aber auch alle Humanwissenschaften, die gesamte Pädagogik, Gesundheits-, Bildungs-, Wirtschafts-, Sozial- und Außenpolitik zunehmend transpersonal ausgerichtet sein müssen, wenn die Homo-Sapiens-Rasse noch länger einen Platz auf der lieben Erde und in der Evolution haben will, stellt eine zweifelsfreie Notwendigkeit und wissenschaftlich belegte Tatsache dar. Oder anders ausgedrückt (angelehnt an das berühmte Zitat von Karl Rahner, das sich auf Christen bezieht, oder Willigis Jäger, das sich auf Mystiker bezieht), lässt sich für die gesamte Menschheit und ihre Weltsituation, die sie geschaffen hat, verallgemeinern:


Der Mensch wird transpersonal sein, oder er wird nicht mehr sein.

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